Westfälische Nachrichten, 07.04.2019 (von Dietlind Ellerich)

„Ich war noch ein Kind und sollte sterben“, versucht Henriette Kretz, das Unfassbare in Worte zu fassen. Sie hat den Holocaust überlebt. Die 84-Jährige scheut keine Mühe und reist im Rahmen eines Zeitzeugenprogramms des Maximilian-Kolbe-Werks durch die Lande, um von ihrer jüdischen Familie in Polen zu berichten. Vergangene Woche tat sie das an der Gesamtschule Lotte-Westerkappeln

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Seit mehr als zehn Jahren Jahren ist die Westerkappelnerin Sigrid Mähler (rechts) im Rahmen eines Zeitzeugenprogramms des Maximilian-Kolbe-Werkes mit Henriette Kretz unterwegs, um junge Menschen aufzurütteln. Foto: Dietlind Ellerich

„Aus der Vergangenheit zu berichten, um das Bewusstsein zu schärfen für das, was in der Gegenwart passiert“, ist für Henriette Kretz eine Herzensangelegenheit. Deshalb scheut die 84-Jährige keine Mühe und reist im Rahmen eines Zeitzeugenprogramms des Maximilian-Kolbe-Werks durch die Lande, um von ihrer jüdischen Familie in Polen zu berichten.

Am Montag und am Freitag hat die alte Dame in der Gesamtschule Lotte-Westerkappeln vor insgesamt knapp 150 Neuntklässlern darüber gesprichen, wie sie als kleines Mädchen den Holocaust er- und überlebte.

Kretz erzählt zwar die Geschichte ihrer Familie, sie spricht aber auch für die vielen anderen, die nicht mehr sprechen können. Die kleine zierliche Frau mag den großen Auftritt nicht, sie möchte erzählen aus der Vergangenheit, an die sie sich so genau erinnert, als wäre es eben erst passiert.

Sie redet leise, bedächtig und dadurch umso eindringlicher über die Zeit der Flucht, des Ghettos, der Verhaftung, der Verstecke, des Hungers, der Ermordung ihrer Eltern, die sich den Polizisten entgegenstellten, damit die damals Neunjährige entkommen konnte.

„Das waren keine Ungeheuer, das waren Menschen“, sagt sie leise und scheint Jahrzehnte später immer noch nicht so recht begreifen zu können, wie die systematische Ermordung von sechs Millionen Juden und eineinhalb Millionen Sinti und Roma geschehen konnte.

Sie spricht von Hass, Ausgrenzung und Verurteilung und stellt fest, dass das, was damals geschehen sei, auch noch heute geschehe. Ausländer würden ausgegrenzt, Religionen verurteilt, gibt die Holocaust-Überlebende zu bedenken.

„Ich bin eine Jüdin, schauen Sie mich gut an“, sagt Henriette Kretz und stellt fest, dass sie, genauso wie alle anderen Menschen, zwei Augen, Füße, Hände und eine Nase habe. Dennoch hätten die Nationalsozialisten sie als „Untermensch, als irgendetwas zwischen Affe und Mensch“ angesehen. „Ich war noch ein Kind und sollte sterben“, versucht sie, das Unfassbare in Worte zu fassen.

Die 84-jährige erzählt von Fluchten, von Verstecken, von Menschen, die immer wieder halfen und sie auch aus dem Gefängnis befreiten. Und sie erinnert sich an den Augenblick, als ihre Eltern vor den Augen der kleinen Tochter erschossen wurden.

Die sehr disziplinierten Jugendlichen verfolgen die Ausführungen von Henriette Kretz mucksmäuschenstill. Knapp zwei Stunden lang ist in der Aula weder Husten, noch Tuscheln oder Stühlerücken zu hören. Henriette Kretz gelingt es zudem, die Schüler immer wieder in ihren Vortrag einzubinden.

Sie hat überlebt. Und so lange sie es kann, möchte sie reden über das, was damals geschah. Damit es nie wieder passiert.

Gesamtschullehrerin Judith Liedtke ist froh, dass die Zeitzeugin Kretz den Jugendlichen, bei denen im Fach Gesellschaftslehre aktuell die Themen Drittes Reich und Zweiter Weltkrieg auf dem Stundenplan stehen, aus erster Hand von den Verbrechen der Nationalsozialisten erzählt.