Westfälische Nachrichten, 27.09.2018 (von Sascha Brink)

Rund 150 Schülerinnen und Schüler der Gesamtschule Lotte-Westerkappeln testen derzeit das Arbeitsleben. Der neunte Jahrgang ist im Schülerbetriebspraktikum – das erste in der noch jungen Geschichte der Gesamtschule. Und die wenigsten Jugendlichen haben die Schule vermisst.

Premiere Die ersten Praktikumswochen der Gesamtschule Lotte Westerkappeln Die Schule nicht vermisst image 1024 width
Emily-Leah Parry (14) macht ein Praktikum bei Beschriftungen „Claso“. Hier zieht sie die Übertragungsfolie einer beklebten Plane ab.Marie-Louise Reichelt (14) scannt und sortiert die Medikamente in der Hirsch-Apotheke ein. Foto: Sascha Brinkmann

 
Das Spektrum der von den Neuntklässlern gewählten Berufe ist breit: Gleich vier Jungs „schwitzen“ beispielsweise zurzeit im Westerkappelner Fitnessstudio „Befit“. Eine Schülerin schnuppert ins Ibbenbürener „Quasi so“-Theater hinein, eine andere sitzt im Reisebüro.

In der Gesamtschule gibt es das Berufs-Orientierungs-Büro (BOB), dass von Thorsten Freese geleitet wird. „Alle Schüler haben einen Praktikumsplatz bekommen, da sind wir Lehrer sehr stolz drauf“, sagt er und betont, dass wenn manche Schüler Schwierigkeiten hatten, ein passendes Praktikum zu finden, die Lehrer oder Schulsozialpädagogen Hilfestellungen zum Beispiel bei der Bewerbung gaben.

Die WN haben drei Schülerinnen aus Westerkappeln bei ihrem Praktikum besucht: Emily-Leah Parry absolviert ihr Praktikum bei „Claso“ an der Alten Poststraße. Die Gesamtschule hat zwar einen Fanshop, wo die Schüler selbst T-Shirts, Tassen und Mousepads bedrucken können. Doch Autos mit Folien beschriften, das kann die Schule Emily-Leah nicht bieten. „Ich durfte sogar einen Bulli bekleben. Das hat mir am meisten Spaß gemacht“, berichtet die 14-Jährige. Emily kann sich gut vorstellen, nach der Schule eine Ausbildung zur Schilder- und Lichtreklame-Herstellerin anzufangen. Außer Autos hat sie während ihres Praktikums schon Fenster beklebt und Außenwerbung für Kunden angebracht.

Jule Westermann (15) schaut sich zwei Wochen lang gegenüber von „Claso“ in der Praxis Dialog um. Sie probiert in ihrem Praktikum die Bereiche Ergotherapie und Logopädie aus. Es gefällt ihr sehr gut, vor allem die Logopädie-Therapien. „Dort wird mit den Kindern spielerisch geübt, Laute wie ,S´ oder ,Sch´auszusprechen“, erläutert Jule. Die Schülerin hat auch Therapie-Material wie laminierte Spielkarten gebastelt. Sie würde lieber noch länger zum Praktikum gehen statt die Schule zu besuchen. In den zwei Wochen habe sie viele, neue Erfahrungen gesammelt. Auch Jule kann sich sehr gut vorstellen, später als Logopädin zu arbeiten.

Marie-Louise Reichelt arbeitet zwei Wochen lang in der Hirsch-Apotheke an der Bramscher Straße, wo sie den Beruf der Pharmazeutisch-Kaufmännischen Angestellten (PKA) kennenlernt. Eine PKA haben vor allem – wie es der Namen sagt – kaufmännische Aufgaben. Marie ist die meiste Zeit damit beschäftigt, Waren einzuscannen und einzusortieren. Sie hat sich aber auch schon um die Schaufensterwerbung gekümmert und Bonbons beklebt. „Nach der Schule würde ich gerne in einer Apotheke arbeiten, aber nicht als PKA, sondern lieber als Pharmazeutisch-Technische-Assistentin (PTA)“, erzählt die 14-Jährige. Dann hätte sie Aufgaben wie Informationen zu geben über und die Abgabe von Medikamenten, die Herstellung von Arzneimitteln, Laboruntersuchen oder die Beschaffung von Informationen zu übernehmen. Im Praktikum darf sie aus rechtlichen Gründen den PTA nur zuschauen.

Trotzdem haben ihr die vergangenen Tage viel Freude gemacht. Die Schule hat sie jedenfalls nicht vermisst. „Ich habe mich sehr gefreut, dass Marie ihr Praktikum bei uns absolviert hat, weil viele Apotheken Nachwuchs suchen“, betont Juliane Lang, die die Apotheke mit ihrem Mann führt.

Ein Praktikum in der zehnten Klasse oder in der Oberstufe wird es an der Gesamtschule Lotte-Westerkappeln nicht geben. „Aber alle Schülerinnen und Schüler können ein freiwilliges Praktikum absolvieren“, sagt Thorsten Freese. Der bei der Premiere fürs Praktikum am häufigsten ausgewählte Beruf sei übrigens Erzieher/in gewesen. Handwerkliche Berufe seien auch sehr beliebt, bilanziert der Koordinator.

Nicht alle Jugendliche haben ein Praktikum in Westerkappeln und Lotte gewählt oder bekommen. Viele müssen nach Osnabrück, Ibbenbüren oder Mettingen fahren. Der weiteste Weg führt nach Bohmte.