Westfälische Nachrichten, 05.09.2018 (von Frank Klausmeyer)

Bei Derix in Velpe wird ab heute ein Sitzfass gebaut. Das ist kein neues Produkt, dass das auf den konstruktiven Holzleimbau spezialisierte Familienunternehmen an den Markt bringen will, sondern Arbeitsauftrag für sechs junge Leute von der Gesamtschule Lotte-Westerkappeln. Sie haben sich für die „Generationen-Werkstatt“ gemeldet, ein Projekt der Ursachenstiftung Osnabrück.

Sechs Gesamtschueler bauen Sitzfass in der Generationen Werkstatt bei Derix Viel mehr als ein Praktikum image 1024 width
Für die sechs jungen Teilnehmer der Gesamtschule gab es zum Auftakt der „Generationen-Werkstatt“ am Dienstag auch eine kleine Führung durch die riesigen Werkshallen der Firma Derix. Begleitet wurden sie dabei von (rechte Seite, von hinten) Geschäftsführer Markus Brößkamp, Technik-Lehrer Thorsten Freese, Werkstatt-Botschafterin Renate Beineke, ihrem Mentor Heinrich Wilhelm und Iris Lambers (Derix-Marketing).  Auch einige Eltern sowie die Bürgermeister aus Westerkappeln und Lotte, Annette Große-Heitmeyer und Rainer Lammers, waren dabei.

Kleinere und mittlere Unternehmen haben nach Informationen des Instituts der deutschen Wirtschaft fast doppelt so häufig Probleme, freie Stellen zu besetzen, wie große Firmen. Die Ausbildung von Nachwuchskräften gewinnt deshalb weiter an Bedeutung. Doch Zehntausende Lehrstellen bleiben wohl auch dieses Jahr unbesetzt; vor allem im Handwerk. Die „Generationen-Werkstatt“ will dem entgegenwirken. Initiiert worden ist das Projekt von der Ursachenstiftung Osnabrück. Diese möchte ihren Wirkungskreis jetzt verstärkt nach Westfalen ausweiten.

Der Startschuss fällt am Donnerstag in Westerkappeln bei der Derix-Gruppe, einem Familienunternehmen, das auf den konstruktiven Holzleimbau spezialisiert ist und mit rund 40 Millionen Euro nach eigenen Angaben zu den Marktführern der Branche gehört. Dort werden sechs Jugendliche aus der Jahrgangsstufe 8 an der Gesamtschule Lotte-Westerkappeln zusammen mit dem „Unruheständler“ Heinrich Wilhelm (68) in den nächsten Wochen ein Sitzfass aus Holz bauen. Nach Fertigstellung wird es den Pausenhof schmücken.

Klingt nach Praktikum, ist aber viel mehr. „Die Schüler sollen lernen, eine Zeichnung zu lesen, sie sollen Arbeitspläne erstellen, Prozessschritte in der richtigen Reihenfolge abarbeiten, mit Werkzeugen, Maschinen und Materialien umgehen und die Montage und den Zusammenbau übernehmen“, erläutert Markus Brößkamp, Geschäftsführer am Derix-Standort in Westerkappeln. Dabei seien die Jugendlichen weitgehend auf sich allein gestellt, Heinrich Wilhelm, der bis zur Rente über 40 Jahre in dem Betrieb arbeitete, steht als Mentor zwar immer daneben, will und soll die jungen Leute aber machen lassen.

In den nächsten Wochen werden drei weitere „Generationen-Werkstätten“ im Tecklenburger Land nach gleichem Muster die Arbeit aufnehmen. 2014 hatte die Ursachenstiftung das erste Projekt dieser Art angestoßen. Bis Ende dieses Jahres werde es 150 Werkstätten in 74 kleinen und mittleren Unternehmen und 39 beteiligte Schulen mit rund 600 Schülern geben, berichtet Stiftungskoordinatorin Renate Beineke.

„Unser Gedanke ist, die Schüler schon sehr früh abzuholen und an einen Beruf heranzuführen“, betont Beineke. Dabei hat die vom früheren Unternehmer Johannes Rahe (Jahrgang 1944) ins Leben gerufene Stiftung vor allem die Jungen im Blick – „ohne die Mädchen zu bremsen“, wie die Verantwortlichen versichern. „Als wir 2014 damit angefangen sind, gab es schon böse Leserbriefe“, erinnert sich Renate Beineke. Das habe sich aber mittlerweile gelegt.

Das Projekt „Generationen-Werkstatt“ ist Teil der bundesweiten Initiative „Männer für morgen“ des Göttinger Neurobiologen Prof. Dr. Gerald Hüther. Jungen hätten es schwer heutzutage, meint der Wissenschaftler in einem Interview. „Sie brauchen Aufgaben, an denen sie wachsen können, am besten mit Männern, die schon mitten im Leben stehen.“ Und wer genau hinschaue sehe, wie „unglaublich offen Jungen für praktische Dinge sind“. Die „Generationen-Werkstatt“ bringe deshalb Jungs und ältere Menschen zusammen und biete ihnen einen Rahmen.

Das Stiftungsprojekt baue Brücken zwischen der kommenden, der aktiven und der ehemaligen Generation Berufstätiger, erklärt Beineke. Die Rentner einzubinden mache auch deshalb Sinn, damit wertvolles Wissen aus der Praxis nicht verloren gehe.

Brößkamp hofft, bei den jungen Leuten Begeisterung für das Handwerk zu wecken, wobei Derix ebenso in kaufmännischen Berufen ausbildet. „Man kann auch hier sehr, sehr gutes Geld verdienen, manchmal mehr als in anderen Berufen“, sagt der Geschäftsführer.