Am 24.11.2021 besuchte Ksenia Eroshina vom Verein „Zweitzeugen e.V.“  die Gesamtschule-Lotte-Westerkappeln, um mit Schülern und Schülerinnen des Wahlpflichtkurses „Darstellen und Gestalten“ des 10. Jahrgangs in einem Workshop zum Antirassismus zu arbeiten.

Zweitzeugen 2

Der Verein hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Lebensgeschichte von Holocaust-Überlebenden weiter zu erzählen und somit auch in den nächsten Generationen lebendig zu erhalten.  In dem sechsstündigen Workshop an der GeLoWe sollten die 18 Schülerinnen und Schüler des Theaterkurses „Darstellen und Gestalten“ anhand der Lebensgeschichte des Shoa Überlebenden Rolf Abrahamsohn bespielhaft einen umfassenden Eindruck von den Geschehnissen des Holocausts gewinnen, um sie zu befähigen, darauf aufbauend ein Theaterstück gegen Antisemitismus und Rassismus zu entwickeln.
„Wir waren gespannt , was uns erwartete“, sagte Luisa, „denn so richtig konnten wir uns den Projekttag nicht vorstellen.“ 


Der Tag begann, indem die Historikerin Frau Eroshina zunächst das Wissen der SchülerInnen über die historischen Zusammenhänge der Judenverfolgung zwischen 1933 und 1945 sammelte und ergänzte.

Befragt nach ihrem eigenen Alltag verglichen die SchülerInnen dann, was mit den nach 1933 verabschiedeten Judengesetzen an einem solch normalen Tag eigentlich noch möglich gewesen wäre. An einigen Beispielen wie dem Verbot Haustiere zu halten, öffentliche Verkehrsmittel zu benutzen, nicht jüdische Schulen zu besuchen oder Berufe auszuüben, bis hin zum Verbot Schokolade zu kaufen, wurde deutlich, wie einschneidend diese insgesamt beinahe 2000 Gesetze waren und wie sehr sie das Leben einschränkten. Hierdurch konnten die SchülerInnen eindringlich erkennen, dass die Judenverfolgung bereits sehr früh begann, nämlich als ein normales Leben für Juden in Deutschland nach 1933 immer weniger möglich war.

“Besonders bewegend für uns war, zu hören, dass Rolf das Grauen der Vernichtungslager nur überlebte,

indem er immer wieder auf ein Wiedersehen mit seinem Vater und seinem älteren Bruder Hans hoffte.“, betonte Jolina.


Danach hörten wir die Geschichte von Rolf Abrahamsohn aus Marl. Der heute 96jährige überlebte insgesamt 7 Konzentrationslager und verlor im Holocaust seine Eltern und Brüder. “Besonders bewegend für uns war, zu hören, dass Rolf das Grauen der Vernichtungslager nur überlebte, indem er immer wieder auf ein Wiedersehen mit seinem Vater und seinem älteren Bruder Hans hoffte.“, betonte Jolina. Um so trauriger war es, nach dem Krieg zu erfahren, dass die Nationalsozialisten seine gesamte Familie ausgelöscht hatten.
Während viele Überlebende nach der sogenannten Befreiung 1945 Deutschland den Rücken kehrten, ging Rolf nach Marl zurück, in der Hoffnung doch noch Spuren seiner Familie zu finden. Doch er musste erfahren, dass von seinem alten Leben allein sein Elternhaus geblieben war. Das Recht, dieses Haus wieder zu besitzen, musste er sich vor Gericht erstreiten. Dennoch blieb er in Deutschland. In seinem Elternhaus baute Rolf Abrahamsohn in der Folgezeit ein neues Geschäft auf, heiratete und gründete eine Familie.
Doch die Geschehnisse ließen ihn nicht los, sie prägten sein Leben. So begann Rolf in all den Nächten, die er schlaflos verbrachte, immer wieder von den Bildern des Grauens verfolgt, Teppiche zu weben. Seit 1995 fand er auch den Mut, in Schulen und anderen kulturellen Einrichtungen seine Geschichte zu erzählen, immer mit dem Wunsch, die Jugendlichen zu sensibilisieren, sie stark gegen Rassismus zu machen, auf dass sich die Shoa nicht wiederholen möge. Gefragt nach seinem Engagement sagte er: 
„Aber wenn Schüler dich suchen, dann geh hin und wenn du von 50 Kindern nur einen davon überzeugst, dass Juden nicht schlechter sind als Christen, dann hast du viel erreicht.“ 
Mit zunehmendem Alter ist es nun nicht mehr möglich, die vielen Reisen zu unternehmen. Deshalb hat der Verein „Zweitzeugen“ Rolf und andere Überlebende interviewt und diese Interviews auf Video aufgenommen. So sind es dann die Zweitzeugen, Frau Eroshina und ihre KollegInnen, die die Schule besuchen und mit den Schülern die Geschichte von Rolf und anderer lebendig  halten. “Wir waren vor allem beeindruckt von Rolfs Mut, seine Geschichte zu erzählen. Wir sahen in dem Video, wie schwer das für ihn war. Und auch Frau Eroshina machte deutlich, dass es selbst für sie nicht immer leicht ist, diese grauenhaften Ereignisse zu schildern.“, sagte Madita. „Das verdient vor allem Respekt“, so Jolina. Diesen Respekt und ihre große Verbundenheit zu einem so beeindruckenden Menschen drückten die SchülerInnen auch in den Briefen aus, die sie im Rahmen des Workshops an Rolf schrieben.

Zweitzeugen 1
Wichtig war den SchülerInnen auch, dass sie sich offen zu dem Thema äußern konnten, dass viel Raum für Fragen und auch für Diskussionen war, um sich darüber klar zu werden, warum ein Erinnern so wichtig ist. In diesen Gesprächen wurde schnell offensichtlich,  dass das Erinnern wichtig für das eigene Leben in einer friedlichen Gesellschaft ist. 
„Indem wir den Opfern und den Überlebenden, ihren Geschichten, den nötigen Respekt und Aufmerksamkeit schenkt, kann das unserer Gesellschaft und den heutigen Jugendlichen helfen, die Welt zu einem besseren Ort zu machen, an dem Rassismus und Verfolgung keine Chance hat.“, so das Fazit der Gruppe. 
In der Weiterarbeit im Theaterunterricht werden die SchülerInnen  nunmehr selbst als Zweitzeugen die gehörten Geschichten szenisch umsetzen.
Wir sind dankbar, dass wir an dieser so beeindruckenden Veranstaltung teilnehmen konnten, die uns nicht zuletzt durch die finanzielle Unterstützung der Antisemitismusbeauftragen des Landes NRW Frau Sabine Leutheusser-Schnarrenberger ermöglicht wurde.